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Reinhard Mey – Er zijn dagen …: Vorstellung und kritische Betrachtung

Reinhard Mey Er zijn dagen … — Albumvorstellung und Kritik

Letztes Update: 09. Februar 2026

Der Artikel stellt Reinhard Meys Album Er zijn dagen … vor und bietet eine kompakte Kritik. Er untersucht Texte, Melodien und Produktion, würdigt Höhepunkte und benennt Schwächen. Sie erhalten Einschätzungen, Liederempfehlungen und Kontext.

Vorstellung und Kritik: Er zijn dagen … von Reinhard Mey

Ein Album als Grenzgänger

Es gibt Alben, die öffnen Türen. Dieses gehört dazu. Reinhard Mey Er zijn dagen … ist ein seltenes Stück musikalischer Grenzgängerei. Ein deutscher Chansonnier singt auf Niederländisch. Das ist mehr als ein Sprachwechsel. Es ist ein Rollenwechsel. Es ist auch ein Vertrauensbeweis. Mey vertraut auf die Kraft des Lieds. Auf die Nähe zur Stimme. Auf das Hören ohne Barriere. So zeigt das Album, wie Musik Brücken baut. Zwischen Ländern. Zwischen Menschen. Und zwischen Stilen.

Die elf Lieder klingen schlicht. Doch sie sind nicht einfach. Sie tragen feine Nuancen. Sie tragen kleine Geschichten. Sie tragen auch große Ideen. Mey nimmt Sie dabei an die Hand. Er führt Sie durch Straßen, Bahnhöfe, Küchen, Wolkenfelder. Er zeigt kleine Bilder. Und er weckt große Gefühle. Das ist seine Kunst. Und hier wächst sie in einer neuen Sprache weiter.

Reinhard Mey Er zijn dagen …

Hinter dem schlichten Titel steckt Haltung. Reinhard Mey Er zijn dagen … klingt wie ein Beginn. Ein offener Satz. Ein Atemzug vor der Pointe. Das passt. Denn die Lieder schauen auf das Leben in Momenten. Es sind Tage voller Mut. Tage voller Fragen. Tage voller Flug und Fall. In dieser Schwebe findet Mey seinen Ton. Er klingt ruhig. Er klingt wach. Er klingt nah an Ihnen und an sich selbst.

1976: Zeit und Terrain

Die Platte erscheint 1976. Das ist eine bewegte Zeit. Die Liedermacher sind stark. Die Protestsongs sind da. Aber es wächst auch eine Sehnsucht nach Ruhe. Genau hier setzt Reinhard Mey Er zijn dagen … an. Er bietet kein Donnern. Er bietet Licht und Schatten. Er bietet Nähe statt Pathos. So trifft er Hörer, die Klarheit suchen. Und er trifft Hörer, die neue Farben lieben. Mey legt den Fokus auf leise Stärke. Das macht die Platte zeitlos.

Stimme und Sprache

Die große Frage liegt auf der Hand. Wie trägt die Stimme im Niederländischen? Reinhard Mey Er zijn dagen … gibt eine klare Antwort. Die Stimme bleibt warm. Das Timbre bleibt vertraut. Die Sprache ändert die Kontur. Doch nicht den Kern. Mey formt Silben weich. Er betont schlicht. Das gibt Raum für Bilder. Es gibt Raum für Pausen. Es gibt vor allem Raum für Sinn. Diese Schlichtheit ist kein Mangel. Sie ist Methode. Sie ist Chanson-Kunst.

Tracks im Fokus: Motive des Flugs und der Erde

Das Album stellt zwei Pole nebeneinander. Die Luft und den Boden. Das Weite und das Nahe. Das merkt man in fast jedem Lied. Reinhard Mey Er zijn dagen … zeichnet damit ein Koordinatensystem. Oben ist die Freiheit. Unten ist der Alltag. Dazwischen liegt das Ich. Hier bewegt sich der Sänger. Hier findet er Geschichten. Und hier holt er Sie ab. Denn dort leben wir alle. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Ik wou zoals Orpheus zingen

Das Album beginnt mit einer Bitte. Der Blick geht zurück in den Mythos. Orpheus steht für die Macht des Lieds. Für Trost. Für Zauber. Für Verlust. Reinhard Mey Er zijn dagen … öffnet mit diesem Wunsch die Bühne. Er spricht still. Er stellt keine großen Thesen. Er sagt: Ich will singen, wie es hilft. Wie es trägt. Wie es rettet. Das ist Programm. Der Song setzt den Ton. Er ist kurz. Er ist dicht. Er klingt wie ein Prolog. Und er passt perfekt.

Boven de wolken

Hier leuchtet das wohl bekannteste Motiv. Es ist die niederländische Fassung des späteren Klassikers. Der eine Satz steht fest: "Boven de wolken moet de vrijheid wel grenzeloos zijn." Er schwebt. Er ist schlicht. Doch er trifft. Reinhard Mey Er zijn dagen … zeigt mit diesem Lied die Kraft der Perspektive. Unten herrscht Lärm. Oben ist Weite. Das klang schon 1976 ehrlich. Es klingt heute noch so. Die Gitarre bleibt sanft. Die Melodie trägt ohne Druck. Das ist das Geheimnis. Kein Übermaß. Nur Luft und Blick.

Ikarus

Fliegen kann auch gefährlich sein. Das weiß der Mythos. Und Mey weiß das auch. In Ikarus mischen sich Mut und Maß. Der Traum wird zum Risiko. Die Sonne wird zur Grenze. Reinhard Mey Er zijn dagen … bringt das ohne Donner in den Raum. Der Text bleibt klar. Die Bilder sind stark. Der Gesang bleibt ruhig. So spürt man die Warnung. Aber man spürt auch das Leuchten. Der Flug bleibt ein Sinnbild. Für Sehnsucht. Und für die Kunst.

Diplomatenjacht

Ein kurzes Lied. Aber ein wacher Blick. Hier gibt es Witz. Hier gibt es Biss. Die Jagd ist Satire. Sie dreht die Rollen. Schwungvoll. Ohne schwere Hand. Reinhard Mey Er zijn dagen … nutzt Humor als Werkzeug. Es trifft nicht plump. Es trifft präzise. Die Gitarre schlägt hell. Der Rhythmus geht voran. So brennt die Pointe nicht aus. Sie glüht nach. Das ist politische Eleganz. Leise, aber klar.

Station Schiedam

Bahnhöfe sind Orte der Geschichte. Auch der kleinen. Auch der stummen. Der Song bringt Bilder aus der Durchreise. Koffer, Schienen, Gesichter. Es klingt wie ein Film in Körnung. Reinhard Mey Er zijn dagen … findet hier einen feinen Ton. Er spricht nicht aus, was fehlt. Er zeigt, was bleibt. Ein Gefühl von Zwischenraum. Ein Gefühl von Zeit. Die Melodie ist knapp. Sie trägt jedoch viel. Sie hält die Szene fest.

Poetik des Alltags: Schuld, Geständnis, Vermächtnis

Die Mitte des Albums gehört der Innenschau. "Vergeef mij als je kunt" bittet schlicht um Gnade. Schuld ist hier kein Drama. Sie ist Alltag. Ein Wort am Küchentisch. Eine Pause am Fenster. Diese Reduktion wirkt. Sie berührt. Reinhard Mey Er zijn dagen … lässt dabei Luft für Ihre Deutung. Es ist ein Gespräch. Kein Monolog. So entsteht Nähe.

"Mijn testament" ist größer. Das Motiv ist alt. Doch es klingt frisch. Mey sortiert das Leben mit ruhiger Hand. Er macht keine Liste. Er malt eine Haltung. Das Ich schaut auf die Spur. Es will nicht prahlen. Es will verstehen. Der Song ist länger. Er nimmt sich Zeit. Und er belohnt Geduld. Er setzt Akzente mit klaren Bildern. Er meidet Pathos. Das macht ihn stark.

"De bekentenis" führt den Blick weiter nach innen. Ein Geständnis ist ein Risiko. Es ist ein Sprung ohne Netz. Der Text geht dieses Wagnis ein. Und er landet weich. Der Sänger bleibt nah. Die Gitarre bleibt warm. Reinhard Mey Er zijn dagen … zeigt hier sein tiefstes Fach. Das kleine Wort. Die genaue Pause. Die feine Nuance. So klingt Vertrauen.

Politik mit leiser Hand

Politik muss nicht laut sein. Sie kann über das Bild kommen. Über Tonfall. Über Ironie. "De oude beer is dood" wirkt wie eine Fabel. Alt und neu stehen sich gegenüber. Ende und Anfang berühren sich. Es ist kein Marschlied. Es ist ein Spiegel. Reinhard Mey Er zijn dagen … zeigt darin Haltung. Er zeigt Skepsis. Er zeigt aber auch Hoffnung. Denn wo etwas endet, beginnt etwas anderes. Das Lied lässt Ihnen Raum. Es zwingt nicht. Es lädt ein.

Auch "Diplomatenjacht" spielt hier hinein. Die Pointe wird nicht erklärt. Sie ereignet sich. So bleibt sie länger frisch. Politisches Lied kann also auch lächeln. Es kann zwinkern. Es kann sogar tanzen. Das beweist diese Platte mit Eleganz.

Klang und Produktion: Die Kunst der ZurĂĽckhaltung

Das Format ist 12" Vinyl. Das hört man. Der Klang ist offen. Er ist warm. Die Gitarre hat Luft. Die Stimme hat Platz. Nichts drängt. Nichts poliert zu glatt. Reinhard Mey Er zijn dagen … folgt dem Gebot der Klarheit. Die Arrangements bleiben sparsam. Kleine Farben blitzen auf. Ein zweiter Gitarrenton. Eine feine Harmonie. Mehr braucht es nicht. Das setzt das Wort in den Mittelpunkt. Es setzt die Atmung frei. So entsteht Intimität. Auch nach vielen Jahren.

Manche mögen sagen: Es klingt zu schlicht. Doch das ist das Prinzip. Die Zurückhaltung ist Teil der Ästhetik. Mey vertraut dem Lied. Nicht dem Effekt. Das erlaubt Tiefe. Es erlaubt auch Dauer. Denn solche Produktion altert langsam. Sie bleibt nah am Kern. Gerade im Rückblick zeigt sich das. Das Album hält stand. Es klingt immer noch ehrlich.

Die Dramaturgie der Reihenfolge

Die elf Songs bilden einen Bogen. Er beginnt leise mit Orpheus. Er steigt auf mit "Boven de wolken". Er fällt mit Ikarus. Er geht durch Straßen und Stationen. Er verlässt die Bühne mit Trost. Reinhard Mey Er zijn dagen … ist also kein loses Bündel. Die Dramaturgie hat Sinn. Sie nimmt Sie mit. Sie lässt Sie atmen. Sie endet nicht im Dunkel. Sie endet mit einem Satz, der bleibt: "Alles komt, zoals 't komen moet." Das ist kein Rückzug. Es ist Realismus mit Haltung.

Zwischen den Polen liegen weitere feine Stücke. "Soms zou ik mijn hond willen sein" spielt mit einer stillen Sehnsucht. Einfach sein. Ohne Last. Ohne Rollen. Das klingt spielerisch. Doch es ist ernst. Sie spüren sofort, was gemeint ist. Der Alltag ist schwer. Manchmal will man ihn loslassen. Dieses Lied versteht das. Es lächelt. Und es tröstet.

Sprachwechsel als kultureller Dialog

Ein deutscher Liedermacher singt Niederländisch. Das ist nicht nur Markt. Das ist Dialog. Sprache trägt Bilder. Sie trägt Rhythmus. Sie trägt Humor. Reinhard Mey Er zijn dagen … zeigt, wie Übersetzen mehr ist als Ersetzen. Ein Sinnbild wandert. Es bekommt ein neues Kleid. Es bleibt doch wiedererkennbar. Gerade "Boven de wolken" beweist das. Die Zeile sitzt auch hier perfekt. Sie klingt weich. Sie klingt wahr.

Der Sprachwechsel schärft auch die Themen. Schuld, Trost, Freiheit. Diese Wörter wirken im Niederländischen anders. Ein wenig heller. Ein wenig direkter. Das tut der Musik gut. Es öffnet Nuancen. Es öffnet andere Ohren. Und es zeigt Respekt vor dem Publikum. Mey begegnet ihm auf Augenhöhe. Er geht nicht in die Fremde. Er geht auf Besuch. Und er bringt Geschenke mit.

Vergleich und Einordnung im Werk

Wer Meys deutsche Alben kennt, erkennt Muster. Der sanfte Witz. Die exakte Beobachtung. Die Liebe zur Melodie. Doch es gibt auch Neues. Reinhard Mey Er zijn dagen … leistet Pionierarbeit im eigenen Katalog. Es zeigt Mut zum Risiko. Es zeigt Neugier. Das prägt das Werk bis heute. Der Flug nach oben. Der Schritt ins Andere. All das kehrt wieder. Hier bekommt es eine eigenständige Farbe.

Die Balance zwischen Politik und Poetik ist gelungen. "Diplomatenjacht" ergänzt "De bekentenis". "Station Schiedam" spiegelt "Ik wou zoals Orpheus zingen". Dazwischen wachsen Lieder wie "Vergeef mij als je kunt" oder "Mijn testament". Sie halten den Faden. Sie erden die Themen. Sie verweben die Platte zu einem Ganzen. Das macht ihre Stärke aus.

Rezeption, Wirkung und Erbe

Wie wurde die Platte gehört? In den Niederlanden fand sie offene Ohren. In Belgien ebenso. Die Melodien sind klar. Die Bilder sind nah. Das hilft. Reinhard Mey Er zijn dagen … bewies, dass Liedermacher auch im Sprachwechsel tragen. Es schuf einen Weg für spätere Grenzgänge. Und es vertiefte Meys Ruf als Erzähler. Nicht nur in Deutschland. Auch jenseits der Grenze.

Das Erbe wirkt leise. Doch es wirkt. Wer heute über Übersetzungen im Chanson spricht, kommt an diesem Album nicht vorbei. Es zeigt, wie man Tonalität pflegt. Wie man Kultur respektiert. Und wie man zugleich Neues schafft. Es ist ein Muster. Kein Rezept. Jede Sprache braucht ihren Klang. Diese Platte hört zu. Und sie antwortet. Genau das ist Vorbild.

Heute hören: Warum es sich lohnt

Warum sollten Sie heute einschalten? Wegen der Ruhe. Wegen der Klarheit. Wegen der Poesie. Reinhard Mey Er zijn dagen … klingt nicht alt. Es klingt aufgeräumt. Es klingt ehrlich. Gerade in einer lauten Zeit wirkt das stark. Die Lieder lassen Platz. Sie lassen Ihnen Raum. Sie laden zum zweiten Hören ein. Und zum dritten. Sie zeigen Details. Sie zeigen Haltung. Sie zeigen Herz.

Hören Sie die Reihenfolge. Spüren Sie die Bögen. Achten Sie auf Pausen. Achten Sie auf kleine Betonungen. So entfaltet sich die Tiefe. Ein gutes Chanson wirkt wie ein gutes Foto. Es ist scharf im Wesentlichen. Es verzichtet auf Lärm im Rand. Diese Platte beweist das immer wieder. Mit jedem Titel.

Schwächen, Risiken und kleine Reibungen

Es gibt auch Ecken. Manches wirkt fast zu korrekt. Ein wenig mehr Reibung hätte den Witz noch geschärft. "De oude beer is dood" könnte kantiger sein. "Mijn testament" dehnt die Zeit stark. Das fordert Geduld. Aber diese Schwächen sind ehrlich. Sie kommen aus dem Konzept. Reinhard Mey Er zijn dagen … setzt auf Vertrauen. Es setzt auf Langsamkeit. Wer das annimmt, wird belohnt. Wer es eilig hat, greift wohl zu härteren Tönen. Doch Chanson ist kein Sprint. Es ist ein Spaziergang. Mit Sinn für Wege und Wetter.

Fazit: Ein offener Satz mit langer Wirkung

Am Ende bleibt ein Eindruck von Reife. Dieses Album weiß, was es will. Es weiß, wie es spricht. Es weiß, was es lässt. Darin liegt seine Größe. Reinhard Mey Er zijn dagen … ist kein Feuerwerk. Es ist ein Leuchtfeuer. Es brennt still. Es zeigt Richtung. Und es hält lange. Wer Mey schätzt, findet hier eine neue Facette. Wer Chanson liebt, findet hier ein Stück Schule. Wer einfach gute Lieder sucht, findet hier viele.

Zwischen Orpheus und Ikarus, zwischen Bahnhof und Himmel, wächst ein starkes Bild. Es ist das Bild eines Künstlers, der zuhört. Der erzählt. Der verbindet. Darum lohnt dieses Album bis heute. Es ist ein Gespräch auf Augenhöhe. Es ist ein Gruß über Grenzen. Und es ist ein Beweis: Gute Lieder brauchen nicht viel. Nur eine Stimme. Eine Gitarre. Und den Mut, sie in eine neue Sprache zu tragen.

So schlieĂźt sich der Bogen. "Alles komt, zoals 't komen moet." Ein Satz wie ein Handschlag. Schlicht. Wahr. Und lange nachklingend.

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