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Biermanns Liederzyklus: Shakespeares Sonette neu vertont

Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus

Letztes Update: 07. Februar 2026

Biermann nähert sich in 'Das ist die feinste Liebeskunst' Shakespeares Sonetten mit rauer Direktheit. Der Liederzyklus verbindet politische Haltung, ironische Distanz und musikalische Intimität. Der Text stellt die Stücke vor, analysiert Arrangements und zieht eine kritische Bilanz.

Vorstellung und Kritik: Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus

Ein Liebesalbum, das mit Shakespeare spricht, braucht Mut. Hier begegnen sich ein deutscher Liedermacher und die größte Stimme der englischen Dichtung. 2005 erschien Wolf Biermanns große Hommage. Sie trägt den Titel, der Programm ist: Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus.

Sie hören darin keine überladene Oper. Sie hören ein Kammerstück. Stimme, Atem, Gitarre. Dazu das alte Echo aus dem 16. Jahrhundert. In dieser Mischung liegt ein Reiz, der sofort packt. Wolf Biermann bringt Wärme, Witz und Wut. Shakespeare liefert die Bilder. So entsteht ein Dialog, der weit über das Literatur-Album hinausgeht. Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus verbindet Buch und Bühne auf engem Raum.

Die Form ist klar. Auf 27 Tracks wechselt Biermann zwischen gesprochenen Sonetten und gesungenen Liedern. Oft wird ein Gedicht erst rezitiert und danach vertont. Manchmal gibt es Rückgriffe, manchmal Brüche. Die Spieldauer bleibt schlank. Fast alles liegt zwischen einer und fünf Minuten. Die Kürze schärft den Blick. Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus setzt auf dichte Miniaturen statt auf Breitwand.

Warum dieser Zyklus heute wichtig ist

Liebeslieder altern selten, doch sie wandeln ihren Ton. Auf dieser CD zeigt sich, wie älteste Verse in ein neues Ohr fallen. Die Sonette stehen für Sehnsucht, Eifersucht, Treue, Tücke, Trost. Alles Themen, die Sie kennen. Biermann kennt sie auch, doch er bleibt kein glatter Sänger. Er zeigt die Kanten. Seine Stimme zerkratzt das Glatte und lässt das Rohe leuchten. So wirkt Shakespeare plötzlich nah. Nicht museal. Gegenwärtig.

Das Doppelprinzip aus Rezitation und Lied

Der Zyklus lebt von einem einfachen Konzept. Erst das Wort, dann der Klang. Oder umgekehrt. In Sonett 18 hören Sie den berühmten Anfang als gesprochenen Stoff. Danach folgt eine gesungene Version. Das Muster kehrt wieder, etwa bei Sonett 20, 22, 60, 66, 71, 76, 90, 116, 138. Mit jedem Wechsel zeigt Biermann, was Tonfall leisten kann. Die Worte bleiben fast gleich. Doch der Sinn schiebt sich. Ein Pausenzeichen, eine gedehnte Silbe, und schon kippt die Farbe.

Was macht Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus aus?

Es ist die Stimme. Rau, biegsam, direkt. Sie ist nicht schön im klassischen Sinn. Doch sie trägt. Sie kennt Ironie. Sie kennt Schmerz. Sie kann zärtlich werden, ohne süß zu sein. Dazu die Gitarre. Sie hält den Puls. Kein Schnörkel zu viel. Manchmal zupft sie weich, manchmal hackt sie scharf. Der Klang bleibt nah am Text. Nichts lenkt ab. Alles dreht sich um den Sinn der Zeilen.

Stimme, Atem, Gitarre

Das Mikro scheint dicht am Mund. Man hört Atem, Zögern, ein kurzes Lachen. So entsteht Intimität. Doch kein Kammerspiel ohne Biss. Wenn Biermann die Wut anschwellen lässt, bebt die Saite wie eine Ader. Dann kippt die Szene von der leisen Stube in den Marktplatz. Wieder zurück führt ein Flüstern. Dieses Spiel hält die Spannung hoch. Es trägt durch den ganzen Zyklus.

Übersetzung, Tonfall und die Kunst der Zuspitzung

Die deutschen Texte greifen bekannte Übersetzungswege auf, doch Biermann spitzt oft zu. Er liebt ein klares Bild. Er kürzt, wo Pathos droht. Er fügt Umgangssprache ein, wo Wärme fehlt. Schon die Titel der Tracks zeigen diesen Zugriff. Da heißt es: "Ich alt? Ach was!" oder "Mein Liebchen hat nicht grad…". Das klingt bodenständig. Aber es bleibt Shakespeare, der da spricht. Nur eben durch ein anderes Fenster.

Sonett 18: Sommer als Prüfstein

Track 2 trägt die Frage: "Ich dich vergleichen…?" Danach folgt Track 3 als Lied: "Shakespeare, das 18. Sonett". Und später kommt Track 23 sogar als zweite Liedfassung. Dieses Motiv zieht sich also durch den Zyklus. Der Sommer ist zart. Er bricht schnell. Die Sprache macht das Wetter spürbar. In der gesungenen Form schwingt ein heller Takt. Er wirkt fast wie ein Spaziergang unter lichten Blättern. Dann bringt die wiederholte Liedfassung eine kleine Reife. Es ist, als ob ein späterer Blick den frühen Eindruck korrigiert. Hier zeigt Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus seine kluge Dramaturgie.

Sonett 66: Müd, müd von all dem…

Der Satz "Müd, müd von all dem…" ist eine Wucht. Als Rezitation liegt er wie Blei. In der Liedfassung gewinnt er Schritt. Man hört darin mehr als Liebesmüdigkeit. Es klingt nach Gesellschaftsmühsal. Die Worte über Unrecht und leerem Pomp scheinen durch. Biermanns Stimme kennt diese Note. Sie trägt ein altes Nein in sich. So entsteht ein politischer Schattenwurf. Er stört die Liebe nicht. Er klärt sie. Das passt präzise in Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus.

Sonett 116: Vermählen sich zwei wahre Seelen…

Ein zentraler Moment liegt bei "Vermählen sich zwei wahre Seelen…". Als gesprochenes Sonett schwingt eine ruhige Sicherheit. Als Lied hebt sich die Treue in den Raum. Der Takt ist fest, doch nicht hart. Wie ein Schritt im langsamen Tanz. Der Text spricht von einem Stern für irrende Boote. Das Bild trägt. Biermann lässt es stehen, ohne Glitzer. So spüren Sie die Würde der Aussage. Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus hält hier die Waage zwischen Weihe und Wärme.

Sonett 130 und 138: Ironie und Wahrheit

"Mein Liebchen hat nicht grad…" nimmt das Schönheitsideal aufs Korn. "Wenn meine Liebste lügt…" blickt sanft, doch klar auf das Spiel der Liebe. Biermann hebt die Ironie hervor. Er schneidet die Posen weg. Die Gitarre hält trocken dagegen. Kein Zucker, kein Parfum. Das tut diesen Stücken gut. Sie bleiben menschlich, nicht museal. So zeigt Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus seine Stärke: die Wahrheit im einfachen Ton.

Dramaturgie der 27 Tracks

Die Reihenfolge wirkt bedacht. Sie starten mit "Sonett Nr. 6: Freund, laß dein’ Sommer nicht…". Es setzt ein Signal: Das Album will den Lauf der Zeit zeigen. Dann geht es gleich zum berühmten Sonett 18. Später folgen 20, 22, 60, 66, 71, 76, 90, 116, 128, 130, 138, 154. Fast jedes Mal hören Sie erst die Rezitation, dann das Lied. Manche Sonette treten nur einmal auf, wie "Verflucht der Tag…" (49) oder "Wie Wellen sterben…" (60) als gesprochenes Vorzeichen zum Lied. Am Ende steht eine Überraschung. Track 27 ist "Lied: Das 64. Sonett: Seitdem ich sah…". Das rückt noch einmal den Verlust in den Fokus. Es wirkt wie ein stiller Epilog. Die Spielzeiten unterstreichen die Idee der Miniatur. "Als mal der kleine Liebesgott…" (154) dauert 1:26. "Shakespeare, das 20. Sonett" spannt 4:34. Kurz und lang fügen sich logisch. Die Spannweite wirkt organisch. Gerade dadurch gewinnt Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus einen Atem, der trägt.

Klangbild und Produktion

Der Klang ist trocken und nah. Nichts klingt überproduziert. Fast alle Songs stehen auf der Stimme und der Gitarre. Die Aufnahme wirkt wie ein guter Platz im kleinen Saal. Sie sitzen vorn, hören den Fingern beim Saitenwechsel zu. Das passt zum Material. Shakespeare braucht keine großen Mittel, nur klare. 2005 war dies ein Statement gegen die große Geste. Es ist es noch. Der Mix lässt Luft. Die Höhen sind nicht schrill. Die Tiefen dröhnen nicht. Stattdessen liegt eine feine Körnung in der Mitte. So kommt jedes Wort an. Das hilft Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus enorm.

Im Werkzusammenhang

Wer Biermann kennt, hört seine Geschichte mit. Man spürt den Hang zur Aufrichtigkeit. Man spürt die Lust an der Reibung. Diese Prägung färbt die Liebeslieder. Sie werden nie bloß privat. Immer schwingt die Frage mit: Was ist wahr, wenn die Welt lügt? Das passt zu Shakespeare. Seine Sonette kennen das Spiel der Masken. Biermann zieht diese Masken ab, doch er zeigt nicht mit dem Finger. Er vertraut dem Text. So wird das Album zu einem Werkstück, das beide Seiten ehrt. Und so behauptet sich Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus auch unter den späteren Projekten.

Hören mit den Ohren von heute

Heute, mit viel Pop und wenigen Worten, wirkt dieses Album fast trotzig. Es nimmt sich Zeit für Nuancen. Es fordert genaues Hören. Trotzdem bleibt es leicht im Zugang. Die Sätze sind klar. Die Melodien bleiben im Kopf. Sie können einzelne Tracks herausgreifen. Oder Sie hören den Zyklus am Stück. Beides funktioniert. In einer Playlist aus modernen Chansons setzt das Album ruhige Fixpunkte. Im stillen Abend entfaltet es seinen vollen Zauber. Darin liegt eine Stärke, die trägt. Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus beweist, dass Reduktion nicht Verzicht heißt.

Starke Momente, kleine Schwächen

Ein paar Punkte verdienen Kritik. Manchmal wirkt die Diktion lehrerhaft. Das betrifft vor allem die gesprochenen Stücke. Ein Hauch von Didaktik schiebt sich vor die Emotion. Nicht oft, aber spürbar. Dazu kommt die stimmliche Rauheit. Sie ist Mittel und Markenzeichen. Doch an zwei, drei Stellen überschattet sie die zarteren Linien. Wer eine weichere Balladenstimme sucht, wird hier nicht fündig. Die Wiederholung des 18. Sonetts als zweites Lied hat nicht für jede Hörerin denselben Reiz. Trotzdem ist der erzählerische Sinn da. Das Finale mit dem 64. Sonett überrascht, kann aber als Bruch empfunden werden. Diese Schwächen treten jedoch hinter den großen Stärken zurück. So bleibt das Urteil klar. Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus überzeugt weit mehr, als es stolpert.

Track-Beispiele für den Einstieg

Wenn Sie wenig Zeit haben, starten Sie mit "Ich dich vergleichen…?" und dem dazugehörigen Lied. Danach "Müd, müd von all dem…" als Doppel. Fügen Sie "Vermählen sich zwei wahre Seelen…" hinzu. Schließen Sie mit "Mein Liebchen hat nicht grad…" ab. So sehen Sie die Spannweite. Vom hellen Staunen bis zur scharfen Ironie ist alles da. Wer tiefer gehen will, nimmt "Wie Wellen sterben…" und das Lied zum 60. Sonett in Folge. Danach lohnt das Paar 90 und 116. So wächst ein Eindruck, der das ganze Album trägt.

Über die Sprache hinaus: Rhythmus und Atem

Die Sonette leben vom Metrum. Der Wechsel von Betonungen ist ihr Motor. Biermann beachtet das. Er spielt aber frei, wo es Sinn hat. Eine gedehnte Silbe kann Schmerz zeigen. Eine kurze Pause kann den Witz schärfen. In den Liedern führt der Takt die Worte. In den Rezitationen führt die Stimme den Takt. Beide Wege sind stimmig. Sie hören, wie Musik und Vers einander spiegeln. Das trägt zur Geschlossenheit bei. Es macht den Zyklus rund.

Was bleibt nach dem Hören

Am Ende bleibt der Eindruck eines Mutstücks. Das Album will nicht modern sein. Es will wahr sein. Es legt die Liebe frei, ohne sie zu verklären. Es ehrt den Dichter, ohne ihn zu verhärten. Es zeigt den Sänger, ohne ihn zu inszenieren. Das ist viel in einer Stunde Musik. Wer die Sonette kennt, findet neue Türen. Wer sie nicht kennt, bekommt einen guten Schlüssel. So erfüllt das Werk seinen Zweck als Brücke. Und noch mehr: Es steht für sich.

Für wen lohnt sich die CD?

Für Literaturfreunde, die Musik lieben. Für Musikfreunde, die Worte lieben. Für alle, die Ruhe schätzen und doch Spannung suchen. Für Hörerinnen, die sich nicht scheuen, einem rauen Timbre zu folgen. Für Menschen, die wissen wollen, wie alte Verse heute klingen. Sie werden reich belohnt. Sie finden Trost, Witz, Trotz. Sie finden Nähe, die trägt. Und Sie finden die Kunst, mit wenig viel zu sagen. So trifft Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus auch Ihr Regal, wenn Chanson mehr sein darf als Begleitmusik.

Fazit

Dieses Album ist ein Geschenk. Es zeigt, wie Liedermacherkunst und Weltliteratur sich umarmen können. Es zeigt, wie ein alter Text jung klingen darf, wenn ein starker Sänger ihn ernst nimmt. Die Produktion ist klar. Die Dramaturgie ist klug. Die Auswahl der Sonette ist ausgewogen. Es gibt Ecken, doch sie gehören zum Werk. So bleibt ein Urteil, das einfach ist. Hören Sie es. Am besten in Ruhe. Am besten am Stück. Wolf Biermann Das ist die feinste Liebeskunst: Shakespeare–Sonette. Ein Liederzyklus ist eine kleine Schule des Hörens. Und eine große Schule der Liebe.

Ausblick

Wer nach diesem Zyklus weitergehen möchte, kann die Sonette in Ruhe lesen und dann erneut hören. So wächst ein zweiter Klangraum, in dem jedes Motiv noch einmal aufscheint. In Zeiten, in denen vieles schnell verglüht, lohnt dieser doppelte Weg. Darin liegt eine Kunst, die bleibt: das langsame, genaue Hören. Genau das macht dieses Album stark und zeitlos.

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