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Wolf Biermann – Trotz alledem! Albumkritik und Hintergründe

Wolf Biermann Trotz alledem! Eine kritische Albumvorstellung

Letztes Update: 06. Dezember 2025

Der Artikel stellt Wolf Biermanns Album Trotz alledem! vor und bietet eine kritische Würdigung: Sie lesen zur Entstehung, zu Schwerpunkten und Stücken, bekommen Einordnungen in Biermanns Werk sowie eine Empfehlung, für wen das Album besonders lohnt.

Vorstellung und Kritik des Albums Wolf Biermann Trotz alledem!

Dieses Album ist eine Kampfansage und ein Trost zugleich. Es ist laut, roh und doch oft sehr zart. Es handelt von Schmerz, von Lust und von Mut. Es zieht Sie mitten hinein in ein Jahr, das wankt. Und es fragt immer wieder, was ein Lied kann. Wolf Biermann Trotz alledem! setzt dafür auf klare Worte, auf Witz, auf Angst und auf Hoffnung. Das Werk lässt Sie nicht in Ruhe. Es bleibt im Raum. Es bleibt im Kopf. Es bleibt im Streit.

Die Platte erschien 1978. Ein Jahr, das für den Künstler noch ganz neu war. Er lebte nun im Westen. Er war ausgebürgert. Er war frei von den Fesseln, aber nicht frei von den Folgen. Diese Spannung prägt die 15 Titel. Sie hören sie in jedem Ton. Sie spüren sie in jeder Pause. Wolf Biermann Trotz alledem! zeigt ein Herz, das schmerzt, und eine Stimme, die standhält.

1978 als Zäsur: Ein Sänger zwischen zwei Welten

Die Ausbürgerung hatte ihn hart getroffen. Doch sie machte ihn auch sichtbarer. Er sprach nun für Millionen, die nicht reden durften. Er sang, um das Schweigen zu brechen. Die neue Freiheit war ein Risiko. Sie war auch ein Werkzeug. Sie hören das im großen Atem der Platte. Die Lieder sind keine bequemen Lieder. Sie sind Reibung. Sie sind Widerstand. Wolf Biermann Trotz alledem! zieht daraus seine Kraft.

Der politische Hintergrund ist dicht. In der Bundesrepublik debattiert man die Gewalt. Man streitet über Terror, Staat und Medien. Man protestiert gegen Atommüll und Aufrüstung. In der DDR hält der Druck an. Menschen scheitern, stehen wieder auf, lernen neu zu hoffen. Diese Lage spiegelt sich im Ton des Albums. Nicht als Chronik. Eher als persönliche Blende. Als Blick eines Menschen, der mitten im Sturm steht.

Zwischen Bühne und Studio: Das atmende Dokument

Die Platte wirkt wie ein lebender Ort. Vieles klingt direkt. Fast wie auf einer Bühne. Die Gitarre schlägt hart, dann weich. Die Stimme darf kratzen. Pausen dürfen lang sein. Kleine Sketche rücken zwischen große Balladen. So entsteht ein Strom aus Szenen. Er trägt Sie von Lied zu Lied. Wolf Biermann Trotz alledem! ist kein poliertes Produkt. Es ist ein Protokoll der Lage. Es ist Gespräch, Streit, Spott, Gebet.

Diese Vielfalt ist Plan und Haltung. Biermann weiß, dass ein Album atmen muss. Er lässt kleine Stücke den großen Kanten Licht geben. Er mischt Ernst mit Scherz. Er legt Trauer neben Trotz. Das hält die Spannung. Es macht die Zeit erfahrbar. Es weist den Weg durch die 15 Titel ohne Bruch.

Titel für Titel: Bilder einer zerrissenen Gegenwart

Ballade vom preussischen Ikarus (4:36)

Der Auftakt fliegt hoch, aber nicht frei. Der Mythos wird politisch. Der Fall ist Programm. Nicht nur ein Märchen. Es geht um Größenwahn, um Macht, um Tiefe. Der Text fragt nach der Grenze. Wer sie nicht sieht, stürzt. Die Melodie arbeitet gegen die Pose. Die Stimme zügelt den Flug. So beginnt der Abend ernst und klar.

Nelli, min Appelsnut (1:03) und Hanseatische Idylle (1:36)

Dann kippt die Stimmung. Dialekt macht warm. Ironie macht weich. Das Lachen ist echt, aber nie blind. Plattdeutsch klingt hier wie ein kurzer Gruß. Es öffnet den Raum. Die Idylle ist eine Maske, die sich schnell löst. Kleine Bilder, großer Effekt. Sie tanken Luft. Danach fällt der nächste Schlag weniger schwer.

Kommentar MangeLSDorff (1:33)

Der Titel ist ein Wortwitz. Er blinzelt in die Jazz-Ecke. Zugleich ist es ein Kommentar zum Kommentar. Wer ordnet hier wen ein? Wer erklärt wen weg? Das Stück dauert kaum länger als ein Schnipsel. Es zeigt, wie man mit wenigen Strichen eine Debatte anstößt. Es weckt die Ohren. Es weckt den Widerspruch.

Deutsches Miserere (9:27)

Das Herzstück ist lang. Es nimmt sich Zeit. Es kennt den Schmerz. Es fragt nach Schuld. Es klagt, aber nicht leer. Die Form ist streng, doch offen. Die Stimme steht im Fokus. Die Gitarre hält den Puls. Sie spüren die Last, die auf Worten liegt. Dieses Stück ist ein Leuchtturm. Es trägt das Album in die Tiefe.

Gegen die Objektiven (3:37) und Trotz alledem! (4:31)

Hier prallen Haltung und Spruch aufeinander. Das eine demaskiert falsche Neutralität. Das andere bündelt das Ja zum Nein. Der Refrain der Haltung ist klar: Standpunkt ist Pflicht. Das Titelstück greift eine alte Tradition auf. Es knüpft an ein Freiheitsmotiv aus dem 19. Jahrhundert an. Doch es klingt nicht museal. Es klingt frisch. Es klingt dringlich. Es klingt wie ein Ruf über Zeiten hinweg.

Mag sein, dass ich irre (2:26) und Jetzt klagen sie gross über Terror (2:30)

Erst Zweifel, dann Abrechnung. Der Wechsel ist schlau. Der Zweifel macht Platz. Er schützt vor Starrsinn. Danach wird Kritik scharf. Das Thema ist heiß. Worte sitzen, weil sie knapp sind. Musik und Text greifen eng ineinander. Das ergibt eine klare Linie. Sie finden Ihren Zugang auch ohne Vorwissen.

Mädchen in Stuttgart (2:19), Collage Frankfurter Rundschau (5:55), Ach Stuttgart, du Nasse, du Schöne (1:57)

Reisen prägen diese Mitte. Städte werden zu Figuren. Stuttgart ist nass und schön. Frankfurt ist eine Zeitung im Echo. Die Collage wirkt wie ein Spiegel der Medienzeit. Man hört, wie Worte flimmern. Man ahnt, wie Nachrichten Macht formen. Das Mädchen in Stuttgart ist eine zarte Skizze. Sie erdet den Lauf der großen Themen.

Streikposten vor Euro-Kai (5:20), Gorleben soll leben (4:32), Ein Lied des Bundes (1:06)

Zum Ende hin wird es wieder politisch direkt. Arbeitskampf, Hafen, Solidarität. Dann die Umweltfrage. Gorleben ist damals ein Kristall. Es bündelt Protest. Es bündelt Angst. Es bündelt Mut. Das kurze Schlusssignal klingt wie ein Abspann. Ein Lied des Bundes wirkt wie eine Note an die Macht. Klein, knapp, klar.

Sprache, Witz und Wut: Die Poetik des Widerstands

Die Sprache bleibt einfach. Sie bleibt doch vielschichtig. Bilder sind klar. Metaphern sind greifbar. Witz ist nie nur Witz. Er ist ein Messer. Er schneidet Heuchelei. Er lüftet Masken. Wut ist nie nur Wut. Sie ist gezielt. Sie trifft, was sie treffen will. So baut die Platte ein Netz aus Sinn. Sie können es leicht betreten. Aber Sie fallen nicht hindurch.

Der Wechsel aus Dialekt, Spott und Pathos ist heikel. Hier funktioniert er. Die Balance hält. Nichts kippt ins bloß Grobe. Nichts gleitet ins bloß Süße. Wolf Biermann Trotz alledem! schafft das mit kluger Setzung. Es hält Ihre Aufmerksamkeit hoch. Es schärft Gefühl und Kopf zugleich.

Städte als Bühnen: Hamburg, Stuttgart, Frankfurt

Hamburg ist der Heimathafen. Er steht still im Hintergrund. Bilder vom Hafen tragen Salzwasser im Klang. Das hört man. Stuttgart zeigt Regen. Frankfurt löst sich in Druckerschwärze auf. Jede Stadt hat einen Ton. Jede Stadt hat einen Blick. So entsteht ein Land, das nicht aus Karte besteht. Es besteht aus Stimmen. Es besteht aus Straßenecken. Es besteht aus Gerüchen und Zeilen.

Diese Ortsbindung hat eine soziale Tiefe. Sie macht Politik konkret. Sie macht Haltung sichtbar. Sie zeigt, wie Alltag und Macht zusammengehen. Wolf Biermann Trotz alledem! setzt darauf. Es weitet die Perspektive, ohne zu verflachen. So bleiben die Lieder nah am Leben.

Zeitdiagnose zwischen Terror und Atom

Das Jahr 1978 steht unter Strom. Die Gewaltfrage spaltet Familien. Der Staat sucht Härte. Die Bürger suchen Halt. Es gibt Misstrauen. Es gibt Mut. Es gibt Müdigkeit. Die Lieder, die das berühren, sind knapp. Sie sind präzise. Kein Wort zu viel. Kein Takt zu wenig. Darin liegt ihre Stärke.

Die Atomfrage brennt. Gorleben wird zum Symbol. Das Lied dazu packt die Sorge an der Wurzel. Es nennt Dinge beim Namen. Es ruft zum Leben auf. Das ist nicht Theorie. Das ist Erfahrung. So gewinnt die Platte Zeitzeugnis und Relevanz zugleich.

Wolf Biermann Trotz alledem! als Haltungstitel

Der Titel ist Programm. Er ist ein Trotz, der nicht verblendet. Er ist ein Trotz, der rechnet. Er weiß um Verlust. Er weiß um Risiko. Er bleibt dennoch aufrecht. So liest sich der Titel wie ein Eid. Er passt zu jeder Phase des Albums. Er passt auch zu Ihrem Hören. Er fordert Sie auf, Stellung zu beziehen.

Der Verweis auf die Tradition ist wichtig. Der Ruf "trotz alledem" stammt aus älteren Freiheitsliedern. Hier wird er neu gesetzt. Nicht als Zitat, sondern als Gebrauchswort. Wolf Biermann Trotz alledem! klingt darum modern. Es macht die alte Formel wieder brauchbar. Für den Alltag. Für den Streit. Für das Morgen.

Klangbild: Gitarre, Atem, Raum

Die Produktion ist bewusst schlicht. Die Gitarre steht vorn. Die Stimme trägt das Gewicht. Manchmal hört man nur zwei Farben. Das reicht. Es schafft Nähe. Es schafft Kontakt. Kleine Geräusche dürfen bleiben. Das macht nichts. Es hält die Spannung. Es lässt Sie im selben Raum sitzen.

Wechsel im Tempo sorgen für Dynamik. Lange Stücke dürfen kreisen. Kurze Stücke setzen Stiche. Das ergibt ein gutes Maß. Wolf Biermann Trotz alledem! nutzt diese Spannweite klug. Das Ohr bleibt wach. Der Sinn bleibt scharf.

Intertext und Anspielung: Zeitung, Hafen, Mythos

Die Collage mit der Zeitung zeigt, wie Sprache Macht baut. Schlagzeilen sind nicht neutral. Sie formen den Blick. Das Lied macht diesen Prozess hörbar. Es ist eine Schulung für das Ohr. Es ist auch ein Spiel mit Form. So bricht die Platte ihr eigenes Muster. Sie zeigt, was Lieder noch können.

Der Hafen ist ein Raum für Arbeit und Traum. Das taucht an mehreren Stellen auf. Es wirkt erdig. Es macht Politik greifbar. Der Mythos vom Ikarus führt das Gegengewicht. Hochflug trifft auf Schwerkraft. Daraus entsteht ein Bild von Verantwortung. Es bleibt haften.

Rezeption damals, Wirkung heute

Zur Zeit der Veröffentlichung wurde viel gestritten. Die einen hörten Pathos. Die anderen hörten Klarheit. Viele hörten beides. Das ist ein gutes Zeichen. Die Platte polarisiert, ohne billig zu spalten. Sie lädt zum Denken ein. Sie lädt zum Fühlen ein. Sie fordert auch Widerspruch. Genau das macht sie lebendig.

Heute, mit Abstand, klingt vieles erstaunlich frisch. Die Fragen sind wieder da. Presse, Protest, Energie, Staat. Die Lieder bieten nicht die Antwort. Sie bieten Werkzeuge. Sie laden dazu ein, die eigene Stimme zu finden. Wolf Biermann Trotz alledem! behauptet sich so als Klassiker. Nicht als Denkmal, sondern als Werkzeugkasten.

Für wen ist diese Platte?

Wenn Sie politische Musik meiden, lohnt ein Versuch. Die Platte ist direkt, aber nicht plump. Sie gibt Raum. Sie erklärt nicht alles vor. Sie nimmt Sie ernst. Wenn Sie Lyrik lieben, finden Sie Bilder. Wenn Sie Volkslied-Formen mögen, finden Sie Linien. Wenn Sie rauen Klang mögen, finden Sie Holz und Atem. Wolf Biermann Trotz alledem! ist kein Kuschel-Album. Aber es wärmt, weil es ehrlich ist.

Auch für junge Hörer kann es ein Einstieg sein. Die Songs sind kurz genug. Die Sprache ist klar. Die Themen sind aktuell. Man kann einzelne Stücke nehmen und wachsen lassen. Danach greift man zum nächsten. So entfaltet sich das Ganze Stück für Stück.

Ein Blick auf die Dramaturgie

Start in der Höhe, Fall im Blick, dann Luft holen. Danach drücken die langen Sätze. Dann wieder Leichtigkeit. Dann wieder Streit. Das ist die Linie. Sie wirkt geplant, doch nie starr. Man fühlt den Abend wie ein Konzert, das wandert. Es hält Sie bei der Hand. Es lässt Sie auch los, wenn es muss.

Die letzten drei Stücke bündeln noch einmal die Gegenwart. Arbeit, Ökologie, Staat. Dann ein kurzes Schlusslicht. Es macht den Raum dunkel, aber nicht kalt. Sie bleiben zurück mit einem Satz im inneren Ohr. Er klingt nicht laut, aber er bleibt.

Stärke und Schwäche: Wo es trägt, wo es wankt

Die Stärke liegt im Wort und im Mut. Auch im Humor. Die Balance aus Ernst und Spiel ist selten. Die Schwäche liegt in wenigen Übergängen. Manches Stück kommt wie ein Fragment. Das ist Teil des Konzepts, kann aber stolpern. Wer einen homogenen Klang sucht, wird kurz irritiert. Doch die Tiefe der Texte fängt das auf.

Die lange Klage in der Mitte fordert Geduld. Sie lohnt sich. Der Gewinn ist groß. Das Ohr gewöhnt sich an die langsame Drehung. Danach klingt alles klarer. Das ist ein Zeichen für starke Form.

Fazit: Ein Werkzeug der Haltung

Dieses Album ist kein Museum. Es ist ein Mittel. Es hilft, den Blick zu schärfen. Es hilft, Gefühle zu ordnen. Es hilft, Worte zu finden. Es bleibt offen genug, um Sie einzuladen. Es bleibt streng genug, um Sie zu fordern. Wolf Biermann Trotz alledem! zeigt, wie Lied und Leben zusammengehen. Es zeigt, wie ein einzelner Mensch eine Zeit zum Klingen bringt.

Wenn Sie nur ein Stück hören möchten, wählen Sie das Titelstück. Wenn Sie verstehen wollen, was unter der Haut passiert, wählen Sie das lange Miserere. Wenn Sie sehen wollen, wie Witz und Politik tanzen, hören Sie die kurzen Skizzen. Am besten aber hören Sie alles in einem Zug. Dann spüren Sie den roten Faden. Und Sie wissen, warum der Titel so trifft. Wolf Biermann Trotz alledem! ist eine Einladung zum Denken, zum Fühlen, zum Standhalten. Es ist ein Satz, den Sie sagen können, wenn es eng wird. Und es ist eine Melodie, die Sie trägt.

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