Logo von Chansonnier - das Magazin ĂĽber Liedermacherei
Albumkritik: Von damals und von dieser Zeit – Degenhardt im Fokus

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit: Vorstellung und Kritik

Letztes Update: 04. März 2026

Der Artikel stellt Franz Josef Degenhardts Album 'Von damals und von dieser Zeit' vor, analysiert ausgewählte Lieder und bewertet musikalische wie textliche Stärken. Sie erhalten Kontext zur Entstehungszeit, eine klare Kritik und Empfehlungen für Hörer.

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit – eine hörbare Zeitreise mit Gegenwartsdrall

1989 als Schnittpunkt: Was dieses Album heute eröffnet

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit erschien 1989. Das Jahr steht für Wandel. Das hören Sie in jeder Spur. Alte Lieder treffen auf eine neue Lage. Die Mauer fällt. Die Gewissheiten wanken. Degenhardt blickt zurück und zugleich nach vorn. Die Auswahl zeigt seine Spannweite. Vom frühen Spott bis zur späten Reue ist alles da. So klingt Geschichte, wenn sie atmet. Sie erkennen Muster, die bleiben. Und Widersprüche, die treiben.

Gerade darin liegt die Kraft des Albums. Es ist kein bloßes Sammelwerk. Es führt Fäden zusammen. Politik, Poesie, Alltag. Sie hören einen Künstler, der den Raum zwischen Lied und Land vermisst. Die Auslese wirkt überlegt. Nichts wirkt zufällig oder halbherzig. So entsteht ein Bogen, der trägt. Von der Erzählung zur Anklage. Von der Satire zur Ballade. Und wieder zurück.

Zwei Editionen, ein Kern: Die Dramaturgie der Auswahl

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit liegt in zwei CD-Formaten vor. Eine Edition bringt 15 Stücke. Die andere führt 14 Titel. Beides greift in dieselbe Werkstatt. Doch die Wege variieren. Die 15er-Spurfolge setzt stärker auf Figuren. Sie zeigt das Panorama der Typen. Der Bauchladenmann, Notar Bolamus, Tonio Schiavo: Menschen, nicht Thesen. Die 14er-Ausgabe fokussiert deutlicher auf Ideenkritik. Sie zentriert das große Bild. Monopoly, Ballade vom verlorenen Sohn, Nach 30 Jahren zurückgekehrt: Das sind breite Pinselstriche.

Beide Programme lassen sich wie zwei Sichtachsen hören. Einmal der soziale Roman im Kleinen. Einmal die große Chronik mit klarer Kante. Hören Sie sie nacheinander. Dann sehen Sie, wie Motive wandern. Erzählfiguren werden zu Leitbildern. Und Lehrstücke sacken in Alltagsszenen. So entsteht ein doppeltes Echo. Es erhöht die Textur. Und es hält die Spannung.

Edition mit 15 Tracks: Die Schule der Figuren

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit zeigt in dieser Fassung viel Farbe. Der Fokus liegt auf der Szene. Der Bauchladenmann eröffnet mit leisem Hohn. Tarantella tanzt als Grenzgänger. Weintrinker lebt vom Blick auf kleine Risse. Vatis Argumente greift Familienlogik auf. Und dann steht da das bekannte Stück Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Es klingt wie ein Motto. Doch hier wirkt es neu. Denn es steht neben P.T. aus Arizona und Wölfe mitten im Mai. Das weitet den Kontext.

In den guten alten Zeiten, Väterchen Franz und Feierabend setzen andere Töne. Nostalgie kippt in Zweifel. Milde trifft auf Müdigkeit. Notar Bolamus führt das Amt in die Groteske. So sind hier die Leute legt den Spiegel hin. Und Umleitung hält das Tempo hoch. Sie hören viele Wege, die auf ein Ziel deuten. Es ist der nüchterne Befund: Der Mensch bleibt konfliktreich, auch wenn die Parolen wechseln.

Edition mit 14 Tracks: Die Schule der Systeme

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit fĂĽhrt hier ins Strukturhafte. Rondo pastorale rahmt mit Ruhe. Monopoly entwickelt den groĂźen Zugriff. Es ist lang, doch klar. Es seziert den Markt ohne Hast. Die alten Lieder stellt die Frage nach Erbe. Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten (live) setzt einen rauen Kontrapunkt. Nostalgia und FĂĽr wen ich singe wechseln die Perspektive. Sie fragen nach Sinn und Adressat.

Moritat Nr. 218 (Von der O und der P) rückt das Lehrstück in Szene. Die Ballade vom verlorenen Sohn und Bumser Paco erhöhen die Fallhöhe. Das Testament, Ich laß dich..., Lied für die ich es sing, Ich mach mich ganz klein: Hier wird das Private politisch. Nach 30 Jahren zurückgekehrt markiert den Blick zurück, der wehtut. Der Zyklus schließt, aber ohne Schlussstrich. Das ist klug. Und es bleibt lange im Ohr.

Die Stimme als Werkzeug: Rau, nah, präzise

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit lebt von der Stimme. Sie ist rau, aber nicht grob. Sie ist nah, doch ohne Koketterie. Der Ton fällt selten ins Süße. Er trägt Distanz und Wärme zugleich. Das passt zu Texten, die bohren. Degenhardt hält die Worte vorn. Er schiebt keine Effekte dazwischen. So wirkt der Sinn. Nicht das Dekor.

Die Gitarre ist oft die Achse. Sie stützt den Takt und den Sprechfluss. Hinzu kommen feine Farben. Mal Akkordeon, mal Violine, mal dezente Bläser. Nichts drängt sich auf. Die Arrangements öffnen Raum. Sie lassen Bilder stehen. So kann die Erzählung atmen. Und so bleibt die Balance.

Figuren und Milieus: Von der Kante ins Fleisch

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit trägt viele Gesichter. Der Bauchladenmann ist ein Handelnder im Schatten. Tonio Schiavo wirkt wie ein Fremder, der doch sehr vertraut ist. Notar Bolamus zeigt die Macht im grauen Anzug. Tante Th’rese hält das Gedächtnis eines Viertels. Diese Figuren sind keine Schablonen. Sie atmen. Sie irren. Sie zeigen Widerspruch.

Gerade diese Mikrobilder machen die Platte stark. Sie ziehen Sie rein. Sie sehen eine Geste. Eine Gasse. Eine Hand. Dann trifft Sie ein Satz, der sitzt. Degenhardt kann das. Er macht Politik ohne Plakat. Er baut erst Welt. Dann setzt er den Stachel.

Politische Kanten: Systemkritik ohne Schonraum

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit legt die Messer offen. Monopoly ist das klare Beispiel. Das Lied nimmt sich Zeit. Es schiebt Ebene um Ebene. Es steigt vom Spiel in die Ordnung. Bis dahin, wo Regeln zu Schicksal werden. Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten (live) zeigt den Tonwechsel. Er ist rau. Er ist ehrlich. Er ist auch riskant. Denn Reue und Trotz kollern nebeneinander.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern steht wie ein Erinnerungszeichen. Heute hört es sich anders an. Weniger als Slogan, mehr als Warnung. Wer grenzt hier wen aus? Und wer profitiert davon? Degenhardt antwortet nicht sanft. Er stellt bloß. Er zwingt Sie, das Bild selbst zu drehen. Das bleibt wirksam, auch Jahrzehnte später.

Poetik und Form: Wenn Tanz und Moritat Politik tragen

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit zeigt kluge Formen. Tarantella bringt Schwung. Doch der Tanz täuscht nicht. Er trägt Last und Lust zugleich. Rondo pastorale sucht Ruhe. Doch es bleibt Bewegung unter der Fläche. Moritat Nr. 218 rahmt ein Lehrstück. Doch die Moral kommt nicht von oben. Sie entsteht im Hören.

Diese Formen werden zu Werkzeugen. Sie öffnen Ohren, die bei reiner Parole zugehen. Sie locken, dann drehen sie den Spiegel. Das ist ein Handwerk, das Sinn macht. Besonders, wenn Themen schwer sind. So wird das Ernste tragbar. Ohne dass es weich wird.

Dramaturgie der Länge: Balladen, Miniaturen, Atem

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit hat Mut zur Länge. Wölfe mitten im Mai nimmt sich Raum. Die Ballade vom verlorenen Sohn auch. Das lohnt sich, wenn Bilder tragen. Hier tragen sie. Die langen Stücke bauen Sog auf. Sie nehmen Sie mit, Schritt für Schritt. Dann sitzt der Schluss wie ein Stein.

Daneben stehen kleine Stücke. Für wen ich singe ist kurz und klar. Umleitung wirkt wie ein schneller Strich. Die Abfolge hält wach. Sie wechselt Puls und Ton. Das ist nicht nur Abwechslung. Das ist Sinn. Denn große Bilder brauchen kleine Haltepunkte. Und Miniaturen klingen heller im Wechsel mit Tiefe.

Erinnerung und Gegenwart: Lieder als bewegliche Archive

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit greift nach der Zeit. Die alten Lieder legen sich nicht brav ins Regal. Sie rĂĽcken ins Heute. Nach 30 Jahren zurĂĽckgekehrt formuliert das direkt. Es fragt: Was bleibt? Was muss gehen? Nostalgia klingt milde, doch nicht blind. Es prĂĽft, ohne zu vernichten.

So entsteht ein bewegliches Archiv. Es ordnet nicht nur. Es fragt nach Nutzen. Für wen, wozu, und mit welchem Preis. Das ist selten. Und es macht die Auswahl so wertvoll. Denn Erinnerung lebt erst, wenn sie stört. Hier stört sie gut.

Produktionsblick: Trocken, klar, ohne Lack

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit klingt uneitel. Die Produktion ist trocken, fast dokumentarisch. Sie stellt die Stimme vorn hin. Sie spart Hall. Sie meidet Kulisse. Das passt zu Degenhardts Ansatz. Er will wirken durch Sinn. Nicht durch Zier.

Manches klingt heute schmal. Doch das hat Reiz. Denn es ist ehrlich. Kein Bombast, kein Druck aus der Dose. Wer den warmen Analogklang schätzt, kommt auf seine Kosten. Wer moderne Breite sucht, gewöhnt sich schnell. Denn die Worte tragen. Und die Bilder halten.

Kritik: Wo das Album stolpert – und warum es das darf

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit ist stark. Doch es kennt eigene Fallen. Manche Nummer wirkt belehrend. Besonders, wenn die Pointe zu früh winkt. Monopoly droht das hier und da. Acht Minuten sind riskant. Nicht jeder Vers hält das Level. Auch das Männerbild ist nicht immer frei von Patina. Der Blick ist oft der des Erzählers. Frauen kommen eher als Spiegel vor.

Trotzdem kippt es nicht. Weil die Figuren lebendig bleiben. Weil Milieus nicht zu Pappkulisse werden. Und weil die Musik die Türen offen hält. Kritik ist daher Teil des Spiels. Sie stört die Glätte. Sie macht die Platte menschlich. Sie zeigt, dass Haltung sich reibt. Und dass Reibung Licht erzeugt.

Kontext hören: Von der Bundesrepublik alter Prägung ins Heute

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit trägt die alte Bundesrepublik in sich. Man hört Gewerkschaftsheim, Hinterhof, Schlagbaum. Man hört den Streit am Küchentisch. Man hört den Kalten Krieg im Radiohintergrund. Diese Klangkulisse erklärt viel. Sie ist aber kein Käfig. Im Heute klingt sie wie Frühwarnung.

Korruption, Ausgrenzung, soziale Kälte, das sind keine alten Hüte. Sie kommen wieder, nur im neuen Gewand. Genau da gewinnt das Album an Kraft. Es lehrt nicht Nostalgie. Es zeigt Muster. Und es zeigt, wie Kunst sie lesbar hält. Ohne dass sie in Moral erstickt.

Warum Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit Sie heute angeht

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit bietet Ihnen ein Werkzeug. Es schärft den Blick auf Sprache. Wie wird gelogen? Wie wird verharmlost? Wie wird gewechselt zwischen Wir und Die? Degenhardt deckt das auf, Stück für Stück. Das ist keine vergangene Übung. Das ist Training für die Gegenwart. Sie lernen, auf Töne zu achten. Auf Pausen. Auf das, was fehlt.

Dazu kommt die Kunst des Erzählens. Sie zieht in Geschichten hinein. Sie öffnet das Herz, und dann den Kopf. Das führt zu einem Nutzen, der bleibt. Denn Erkenntnis hält länger, wenn sie erlebt wurde. Dieses Album macht das möglich. Es ist Schule und Bühne zugleich.

Einsteigertipps: So beginnen Sie diese Reise

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit kann Sie mit Auswahl erschlagen. Starten Sie mit drei Stücken. Erst Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Dann Monopoly. Danach Nach 30 Jahren zurückgekehrt. So bekommen Sie Motto, Analyse und Bilanz. Das deckt die Achsen ab. Von da aus wählen Sie nach Neigung. Wollen Sie Figuren? Hören Sie Der Bauchladenmann und Notar Bolamus. Wollen Sie Gefühl? Probieren Sie Ich laß dich... und Lied für die ich es sing.

Wenn Sie live mögen, setzen Sie Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten (live) dazwischen. Da hören Sie den Saal. Da spüren Sie Reibung. Das öffnet den Raum hinter den Studiowänden. Und es zeigt, wie seine Worte in Körper fahren. Das hilft beim Verstehen seines Tons.

Detailblicke: Kleine Funken, groĂźer Effekt

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit lebt von Details. Achten Sie auf die Reime, die nicht auffallen. Auf Vokale, die lang stehen. Auf Alliterationen, die nur leise klopfen. Diese Mittel bauen den Fluss. Sie tragen die Bilder. Sie geben Halt, auch wenn der Inhalt schwer ist.

Hören Sie auch auf die Tempi. Wenn ein Vers stockt, ist das oft Absicht. Da stößt die Figur an eine Wand. Oder eine Idee bricht. Diese feinen Kanten machen die Lieder reich. Sie geben Ihnen Mehrfachnutzen. Erst die Geschichte. Dann die Struktur. Dann die Geste. So bleibt viel zu entdecken.

Fazit: Ein Album als Werkzeugkasten fĂĽr offene Ohren

Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit ist mehr als Rückschau. Es ist ein Werkzeugkasten. Für Sprache, für Hören, für Haltung. Es lädt Sie ein, die Welt zu prüfen. Ohne Pose, ohne Lack. Mit Witz, Schmerz, und einem festen Kern. Es ist nicht immer bequem. Es ist auch nicht makellos. Doch es ist wahrhaft, und das zählt.

Wenn Sie Chanson und Lied mit Biss lieben, ist das Ihre Platte. Wenn Sie neu in dieser Welt sind, ist sie ein kluger Start. Und wenn Sie die Lieder kennen, hören Sie sie neu. 1989 war ein Kipppunkt. Dieses Album fängt ihn ein. Es fächert auf. Es bündelt. Es stellt Fragen, die tragen. Und es gibt Ihnen Töne, die Sie durch die Zeit begleiten.

Diese Artikel könnten dich auch interessieren

Das Album "Von damals und von dieser Zeit" von Franz Josef Degenhardt bietet eine faszinierende Mischung aus politischen und persönlichen Liedern. Es spiegelt die Zeit wider, in der es entstanden ist, und zeigt die künstlerische Tiefe Degenhardts. Wenn Sie mehr über die Werke von Franz Josef Degenhardt erfahren möchten, empfehle ich Ihnen den Artikel Franz Josef Degenhardt Durch die Jahre: Ausgewählte Lieder von 1965-1980. Hier finden Sie eine umfassende Übersicht über seine bedeutendsten Lieder aus dieser Zeit.

Ein weiteres spannendes Werk von Franz Josef Degenhardt ist "Gehen unsere Träume durch mein Lied: Ausgewählte Lieder 1963–2008". Dieses Album zeigt die Entwicklung und Vielseitigkeit des Künstlers über mehrere Jahrzehnte. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Artikel Franz Josef Degenhardt Gehen unsere Träume durch mein Lied: Ausgewählte Lieder 1963–2008.

Auch andere Künstler dieser Ära haben bemerkenswerte Alben geschaffen. Ein Beispiel ist Hannes Wader, dessen Album "Ich hatte mir noch soviel vorgenommen" tiefgründige Texte und melodische Kompositionen bietet. Lesen Sie mehr darüber in unserem Artikel Hannes Wader Ich hatte mir noch soviel vorgenommen. Dieses Album ist ein weiteres Highlight für Liebhaber von Chansons und Liedermachern.