Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit â eine hörbare Zeitreise mit Gegenwartsdrall
1989 als Schnittpunkt: Was dieses Album heute eröffnet
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit erschien 1989. Das Jahr steht fĂŒr Wandel. Das hören Sie in jeder Spur. Alte Lieder treffen auf eine neue Lage. Die Mauer fĂ€llt. Die Gewissheiten wanken. Degenhardt blickt zurĂŒck und zugleich nach vorn. Die Auswahl zeigt seine Spannweite. Vom frĂŒhen Spott bis zur spĂ€ten Reue ist alles da. So klingt Geschichte, wenn sie atmet. Sie erkennen Muster, die bleiben. Und WidersprĂŒche, die treiben.
Gerade darin liegt die Kraft des Albums. Es ist kein bloĂes Sammelwerk. Es fĂŒhrt FĂ€den zusammen. Politik, Poesie, Alltag. Sie hören einen KĂŒnstler, der den Raum zwischen Lied und Land vermisst. Die Auslese wirkt ĂŒberlegt. Nichts wirkt zufĂ€llig oder halbherzig. So entsteht ein Bogen, der trĂ€gt. Von der ErzĂ€hlung zur Anklage. Von der Satire zur Ballade. Und wieder zurĂŒck.
Zwei Editionen, ein Kern: Die Dramaturgie der Auswahl
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit liegt in zwei CD-Formaten vor. Eine Edition bringt 15 StĂŒcke. Die andere fĂŒhrt 14 Titel. Beides greift in dieselbe Werkstatt. Doch die Wege variieren. Die 15er-Spurfolge setzt stĂ€rker auf Figuren. Sie zeigt das Panorama der Typen. Der Bauchladenmann, Notar Bolamus, Tonio Schiavo: Menschen, nicht Thesen. Die 14er-Ausgabe fokussiert deutlicher auf Ideenkritik. Sie zentriert das groĂe Bild. Monopoly, Ballade vom verlorenen Sohn, Nach 30 Jahren zurĂŒckgekehrt: Das sind breite Pinselstriche.
Beide Programme lassen sich wie zwei Sichtachsen hören. Einmal der soziale Roman im Kleinen. Einmal die groĂe Chronik mit klarer Kante. Hören Sie sie nacheinander. Dann sehen Sie, wie Motive wandern. ErzĂ€hlfiguren werden zu Leitbildern. Und LehrstĂŒcke sacken in Alltagsszenen. So entsteht ein doppeltes Echo. Es erhöht die Textur. Und es hĂ€lt die Spannung.
Edition mit 15 Tracks: Die Schule der Figuren
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit zeigt in dieser Fassung viel Farbe. Der Fokus liegt auf der Szene. Der Bauchladenmann eröffnet mit leisem Hohn. Tarantella tanzt als GrenzgĂ€nger. Weintrinker lebt vom Blick auf kleine Risse. Vatis Argumente greift Familienlogik auf. Und dann steht da das bekannte StĂŒck Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Es klingt wie ein Motto. Doch hier wirkt es neu. Denn es steht neben P.T. aus Arizona und Wölfe mitten im Mai. Das weitet den Kontext.
In den guten alten Zeiten, VĂ€terchen Franz und Feierabend setzen andere Töne. Nostalgie kippt in Zweifel. Milde trifft auf MĂŒdigkeit. Notar Bolamus fĂŒhrt das Amt in die Groteske. So sind hier die Leute legt den Spiegel hin. Und Umleitung hĂ€lt das Tempo hoch. Sie hören viele Wege, die auf ein Ziel deuten. Es ist der nĂŒchterne Befund: Der Mensch bleibt konfliktreich, auch wenn die Parolen wechseln.
Edition mit 14 Tracks: Die Schule der Systeme
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit fĂŒhrt hier ins Strukturhafte. Rondo pastorale rahmt mit Ruhe. Monopoly entwickelt den groĂen Zugriff. Es ist lang, doch klar. Es seziert den Markt ohne Hast. Die alten Lieder stellt die Frage nach Erbe. Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten (live) setzt einen rauen Kontrapunkt. Nostalgia und FĂŒr wen ich singe wechseln die Perspektive. Sie fragen nach Sinn und Adressat.
Moritat Nr. 218 (Von der O und der P) rĂŒckt das LehrstĂŒck in Szene. Die Ballade vom verlorenen Sohn und Bumser Paco erhöhen die Fallhöhe. Das Testament, Ich laĂ dich..., Lied fĂŒr die ich es sing, Ich mach mich ganz klein: Hier wird das Private politisch. Nach 30 Jahren zurĂŒckgekehrt markiert den Blick zurĂŒck, der wehtut. Der Zyklus schlieĂt, aber ohne Schlussstrich. Das ist klug. Und es bleibt lange im Ohr.
Die Stimme als Werkzeug: Rau, nah, prÀzise
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit lebt von der Stimme. Sie ist rau, aber nicht grob. Sie ist nah, doch ohne Koketterie. Der Ton fĂ€llt selten ins SĂŒĂe. Er trĂ€gt Distanz und WĂ€rme zugleich. Das passt zu Texten, die bohren. Degenhardt hĂ€lt die Worte vorn. Er schiebt keine Effekte dazwischen. So wirkt der Sinn. Nicht das Dekor.
Die Gitarre ist oft die Achse. Sie stĂŒtzt den Takt und den Sprechfluss. Hinzu kommen feine Farben. Mal Akkordeon, mal Violine, mal dezente BlĂ€ser. Nichts drĂ€ngt sich auf. Die Arrangements öffnen Raum. Sie lassen Bilder stehen. So kann die ErzĂ€hlung atmen. Und so bleibt die Balance.
Figuren und Milieus: Von der Kante ins Fleisch
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit trĂ€gt viele Gesichter. Der Bauchladenmann ist ein Handelnder im Schatten. Tonio Schiavo wirkt wie ein Fremder, der doch sehr vertraut ist. Notar Bolamus zeigt die Macht im grauen Anzug. Tante Thârese hĂ€lt das GedĂ€chtnis eines Viertels. Diese Figuren sind keine Schablonen. Sie atmen. Sie irren. Sie zeigen Widerspruch.
Gerade diese Mikrobilder machen die Platte stark. Sie ziehen Sie rein. Sie sehen eine Geste. Eine Gasse. Eine Hand. Dann trifft Sie ein Satz, der sitzt. Degenhardt kann das. Er macht Politik ohne Plakat. Er baut erst Welt. Dann setzt er den Stachel.
Politische Kanten: Systemkritik ohne Schonraum
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit legt die Messer offen. Monopoly ist das klare Beispiel. Das Lied nimmt sich Zeit. Es schiebt Ebene um Ebene. Es steigt vom Spiel in die Ordnung. Bis dahin, wo Regeln zu Schicksal werden. Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten (live) zeigt den Tonwechsel. Er ist rau. Er ist ehrlich. Er ist auch riskant. Denn Reue und Trotz kollern nebeneinander.
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern steht wie ein Erinnerungszeichen. Heute hört es sich anders an. Weniger als Slogan, mehr als Warnung. Wer grenzt hier wen aus? Und wer profitiert davon? Degenhardt antwortet nicht sanft. Er stellt bloĂ. Er zwingt Sie, das Bild selbst zu drehen. Das bleibt wirksam, auch Jahrzehnte spĂ€ter.
Poetik und Form: Wenn Tanz und Moritat Politik tragen
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit zeigt kluge Formen. Tarantella bringt Schwung. Doch der Tanz tĂ€uscht nicht. Er trĂ€gt Last und Lust zugleich. Rondo pastorale sucht Ruhe. Doch es bleibt Bewegung unter der FlĂ€che. Moritat Nr. 218 rahmt ein LehrstĂŒck. Doch die Moral kommt nicht von oben. Sie entsteht im Hören.
Diese Formen werden zu Werkzeugen. Sie öffnen Ohren, die bei reiner Parole zugehen. Sie locken, dann drehen sie den Spiegel. Das ist ein Handwerk, das Sinn macht. Besonders, wenn Themen schwer sind. So wird das Ernste tragbar. Ohne dass es weich wird.
Dramaturgie der LĂ€nge: Balladen, Miniaturen, Atem
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit hat Mut zur LĂ€nge. Wölfe mitten im Mai nimmt sich Raum. Die Ballade vom verlorenen Sohn auch. Das lohnt sich, wenn Bilder tragen. Hier tragen sie. Die langen StĂŒcke bauen Sog auf. Sie nehmen Sie mit, Schritt fĂŒr Schritt. Dann sitzt der Schluss wie ein Stein.
Daneben stehen kleine StĂŒcke. FĂŒr wen ich singe ist kurz und klar. Umleitung wirkt wie ein schneller Strich. Die Abfolge hĂ€lt wach. Sie wechselt Puls und Ton. Das ist nicht nur Abwechslung. Das ist Sinn. Denn groĂe Bilder brauchen kleine Haltepunkte. Und Miniaturen klingen heller im Wechsel mit Tiefe.
Erinnerung und Gegenwart: Lieder als bewegliche Archive
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit greift nach der Zeit. Die alten Lieder legen sich nicht brav ins Regal. Sie rĂŒcken ins Heute. Nach 30 Jahren zurĂŒckgekehrt formuliert das direkt. Es fragt: Was bleibt? Was muss gehen? Nostalgia klingt milde, doch nicht blind. Es prĂŒft, ohne zu vernichten.
So entsteht ein bewegliches Archiv. Es ordnet nicht nur. Es fragt nach Nutzen. FĂŒr wen, wozu, und mit welchem Preis. Das ist selten. Und es macht die Auswahl so wertvoll. Denn Erinnerung lebt erst, wenn sie stört. Hier stört sie gut.
Produktionsblick: Trocken, klar, ohne Lack
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit klingt uneitel. Die Produktion ist trocken, fast dokumentarisch. Sie stellt die Stimme vorn hin. Sie spart Hall. Sie meidet Kulisse. Das passt zu Degenhardts Ansatz. Er will wirken durch Sinn. Nicht durch Zier.
Manches klingt heute schmal. Doch das hat Reiz. Denn es ist ehrlich. Kein Bombast, kein Druck aus der Dose. Wer den warmen Analogklang schÀtzt, kommt auf seine Kosten. Wer moderne Breite sucht, gewöhnt sich schnell. Denn die Worte tragen. Und die Bilder halten.
Kritik: Wo das Album stolpert â und warum es das darf
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit ist stark. Doch es kennt eigene Fallen. Manche Nummer wirkt belehrend. Besonders, wenn die Pointe zu frĂŒh winkt. Monopoly droht das hier und da. Acht Minuten sind riskant. Nicht jeder Vers hĂ€lt das Level. Auch das MĂ€nnerbild ist nicht immer frei von Patina. Der Blick ist oft der des ErzĂ€hlers. Frauen kommen eher als Spiegel vor.
Trotzdem kippt es nicht. Weil die Figuren lebendig bleiben. Weil Milieus nicht zu Pappkulisse werden. Und weil die Musik die TĂŒren offen hĂ€lt. Kritik ist daher Teil des Spiels. Sie stört die GlĂ€tte. Sie macht die Platte menschlich. Sie zeigt, dass Haltung sich reibt. Und dass Reibung Licht erzeugt.
Kontext hören: Von der Bundesrepublik alter PrÀgung ins Heute
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit trĂ€gt die alte Bundesrepublik in sich. Man hört Gewerkschaftsheim, Hinterhof, Schlagbaum. Man hört den Streit am KĂŒchentisch. Man hört den Kalten Krieg im Radiohintergrund. Diese Klangkulisse erklĂ€rt viel. Sie ist aber kein KĂ€fig. Im Heute klingt sie wie FrĂŒhwarnung.
Korruption, Ausgrenzung, soziale KĂ€lte, das sind keine alten HĂŒte. Sie kommen wieder, nur im neuen Gewand. Genau da gewinnt das Album an Kraft. Es lehrt nicht Nostalgie. Es zeigt Muster. Und es zeigt, wie Kunst sie lesbar hĂ€lt. Ohne dass sie in Moral erstickt.
Warum Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit Sie heute angeht
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit bietet Ihnen ein Werkzeug. Es schĂ€rft den Blick auf Sprache. Wie wird gelogen? Wie wird verharmlost? Wie wird gewechselt zwischen Wir und Die? Degenhardt deckt das auf, StĂŒck fĂŒr StĂŒck. Das ist keine vergangene Ăbung. Das ist Training fĂŒr die Gegenwart. Sie lernen, auf Töne zu achten. Auf Pausen. Auf das, was fehlt.
Dazu kommt die Kunst des ErzĂ€hlens. Sie zieht in Geschichten hinein. Sie öffnet das Herz, und dann den Kopf. Das fĂŒhrt zu einem Nutzen, der bleibt. Denn Erkenntnis hĂ€lt lĂ€nger, wenn sie erlebt wurde. Dieses Album macht das möglich. Es ist Schule und BĂŒhne zugleich.
Einsteigertipps: So beginnen Sie diese Reise
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit kann Sie mit Auswahl erschlagen. Starten Sie mit drei StĂŒcken. Erst Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Dann Monopoly. Danach Nach 30 Jahren zurĂŒckgekehrt. So bekommen Sie Motto, Analyse und Bilanz. Das deckt die Achsen ab. Von da aus wĂ€hlen Sie nach Neigung. Wollen Sie Figuren? Hören Sie Der Bauchladenmann und Notar Bolamus. Wollen Sie GefĂŒhl? Probieren Sie Ich laĂ dich... und Lied fĂŒr die ich es sing.
Wenn Sie live mögen, setzen Sie Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten (live) dazwischen. Da hören Sie den Saal. Da spĂŒren Sie Reibung. Das öffnet den Raum hinter den StudiowĂ€nden. Und es zeigt, wie seine Worte in Körper fahren. Das hilft beim Verstehen seines Tons.
Detailblicke: Kleine Funken, groĂer Effekt
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit lebt von Details. Achten Sie auf die Reime, die nicht auffallen. Auf Vokale, die lang stehen. Auf Alliterationen, die nur leise klopfen. Diese Mittel bauen den Fluss. Sie tragen die Bilder. Sie geben Halt, auch wenn der Inhalt schwer ist.
Hören Sie auch auf die Tempi. Wenn ein Vers stockt, ist das oft Absicht. Da stöĂt die Figur an eine Wand. Oder eine Idee bricht. Diese feinen Kanten machen die Lieder reich. Sie geben Ihnen Mehrfachnutzen. Erst die Geschichte. Dann die Struktur. Dann die Geste. So bleibt viel zu entdecken.
Fazit: Ein Album als Werkzeugkasten fĂŒr offene Ohren
Franz Josef Degenhardt Von damals und von dieser Zeit ist mehr als RĂŒckschau. Es ist ein Werkzeugkasten. FĂŒr Sprache, fĂŒr Hören, fĂŒr Haltung. Es lĂ€dt Sie ein, die Welt zu prĂŒfen. Ohne Pose, ohne Lack. Mit Witz, Schmerz, und einem festen Kern. Es ist nicht immer bequem. Es ist auch nicht makellos. Doch es ist wahrhaft, und das zĂ€hlt.
Wenn Sie Chanson und Lied mit Biss lieben, ist das Ihre Platte. Wenn Sie neu in dieser Welt sind, ist sie ein kluger Start. Und wenn Sie die Lieder kennen, hören Sie sie neu. 1989 war ein Kipppunkt. Dieses Album fĂ€ngt ihn ein. Es fĂ€chert auf. Es bĂŒndelt. Es stellt Fragen, die tragen. Und es gibt Ihnen Töne, die Sie durch die Zeit begleiten.
Das Album "Von damals und von dieser Zeit" von Franz Josef Degenhardt bietet eine faszinierende Mischung aus politischen und persönlichen Liedern. Es spiegelt die Zeit wider, in der es entstanden ist, und zeigt die kĂŒnstlerische Tiefe Degenhardts. Wenn Sie mehr ĂŒber die Werke von Franz Josef Degenhardt erfahren möchten, empfehle ich Ihnen den Artikel Franz Josef Degenhardt Durch die Jahre: AusgewĂ€hlte Lieder von 1965-1980. Hier finden Sie eine umfassende Ăbersicht ĂŒber seine bedeutendsten Lieder aus dieser Zeit.
Ein weiteres spannendes Werk von Franz Josef Degenhardt ist "Gehen unsere TrĂ€ume durch mein Lied: AusgewĂ€hlte Lieder 1963â2008". Dieses Album zeigt die Entwicklung und Vielseitigkeit des KĂŒnstlers ĂŒber mehrere Jahrzehnte. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Artikel Franz Josef Degenhardt Gehen unsere TrĂ€ume durch mein Lied: AusgewĂ€hlte Lieder 1963â2008.
Auch andere KĂŒnstler dieser Ăra haben bemerkenswerte Alben geschaffen. Ein Beispiel ist Hannes Wader, dessen Album "Ich hatte mir noch soviel vorgenommen" tiefgrĂŒndige Texte und melodische Kompositionen bietet. Lesen Sie mehr darĂŒber in unserem Artikel Hannes Wader Ich hatte mir noch soviel vorgenommen. Dieses Album ist ein weiteres Highlight fĂŒr Liebhaber von Chansons und Liedermachern.
